Herausforderung: extrovertierter Hund

Weißer Schäferhund Langhaar

Seit nun schon fast zwei Jahren bin ich Besitzerin einer wunderschönen, weißen Schäferhündin. Ich habe sie im Oktober 2018 mit 9 Wochen aus ihrer Zuchtstätte abgeholt und seit dem gehört die weiße Riesin zu unserem kleinen Mensch-Hund-Rudel. Einen Hund zu haben ist eine tolle Sache und viele da draußen träumen davon: vom treuen Begleiter mit knuffigem Blick, den sie überall mit hinnehmen können, der sich überall einfügt und der die Welt ein bisschen schöner macht. Man weiß irgendwie, dass ein Hund auch Arbeit macht, gerade am Anfang in der Welpen- und Rüpelphase – doch irgendwann ist alles “vorbei” denkt man und dann hat man einen unkomplizierten Begleiter fürs Leben. Den besten Freund eben. Ich denke ein Stück weit war dies auch lange meine Vorstellung.

Doch mit Samba ist vieles anders. Irgendwie ist sie anders als alle Hunde die ich bisher kennen lernen durfte. Mit ihr bekommt der Spruch “Ein Hund macht Arbeit” ein ganz anderes Ausmaß.
Sie ist unglaublich nervös, hibbelig, ungeduldig, stur, stressig und insgesamt die größte Herausforderung, die je in mein Leben gekommen ist. Aber alles der Reihe nach.

Meine größte Lehre

Die größte Lehre, die ich aus diesem Hund ziehe ist die, dass ich wohl mit vielem, von dem ich dachte ich hätte es verstanden, unfassbar falsch lag. Ich muss mir selbst zugestehen, dass ich bis dato immer dachte ich hätte Ahnung von Hunden, doch Samba hat bewiesen: ich habe davon scheinbar überhaupt keine Ahnung. Besonders in Situationen außerhalb unserer (ruhigen) vier Wände führt sie mir das oft vor Augen.
Ich versuche seit 1,5 Jahren alles richtig zu machen und habe so viele verschiedene Methoden ausprobiert und permanent versucht an diesem Hund herum zu doktorn; teilweise vergeblich – endlose Stunden habe ich mit dem Wälzen verschiedener Ratgeber, dem Lesen in Foren, dem Schauen von Videos etc. verbracht, stets in dem Glauben: Ich schaffe das, und ich schaffe das auch allein ohne Trainer und Hundeschule!

Die wichtigste Sache habe ich dabei immer wieder außer Acht gelassen. Mich und meinen Hund – unsere beiden Persönlichkeiten, unsere Individualität.
Mir sind durch sie so viele meiner Baustellen bewusst geworden: Ungeduld, Inkonsequenz, Stressempfindlichkeit, Kontrollwahn, Angst, Ohnmacht – um nur ein paar zu nennen. Alles was Samba in sich trägt, habe auch ich in irgendeiner Art und Weise in mir, sonst würde es mich nicht so triggern.
(Wenn du dich näher für dieses Thema interessierst, dann empfehle ich dir meinen Podcast “Was ich alles von Samba über mich gelernt habe” auf dem Patreon Kanal patreon.com/mitossi – gegen einen günstigen, monatlichen Beitrag erhälst du Zugang zu zusätzlichen Infos in Podcast & Videoform rund um das Thema Hibbelhund unter der Rubrik Marias World feat. Samba)

Falsche Einstellung

Mir ist immer bewusst gewesen, dass ich gelassener und entspannter werden muss, aber stets verbunden mit folgender Einstellung: Wenn der Hund sich mal einkriegen würde, dann könnte ich mich auch entspannen.
Und mein Lösungsansatz dafür: ich muss den Hund dazu kriegen entspannter zu werden.
(Kurz: Ich doktore lieber erstmal mit irgendeiner Methode am Hund rum und dann schauen wir mal …) Das hat natürlich vorne und hinten nicht funktioniert – und das trotz etlicher Methoden, Strategien und Versuche.

Nach 1,5 Jahren verstehe ich meinen Hund immer noch nicht und habe ihn nicht im Griff bzw. kann mich nicht gegen ihn durchsetzen. Immer wieder rede ich mir ein, dass es “nur an der Aufregung” liegt und das draußen einfach so viele Ablenkungen sind – aber wir gehen doch seit 1,5 Jahren regelmäßig raus. Wie soll ich denn die Ablenkungen wegzaubern oder wie lange soll es noch dauern, dass sie sich an die Reize gewöhnt und nicht mehr durchdreht? Wird das überhaupt irgendwann passieren?
Zeitweise ist Vermeidung die einzige Möglichkeit, um dem ganzen Stress zu entgehen. Jeder Spaziergang (teilweise nur das Denken daran) löst negative Stimmung aus, weil man einfach weiß, was einen erwartet.
Diese permanente Unruhe, die von diesem Hund ausgeht, dieses Übersprungverhalten ist einfach eine riesengroße Belastung für mich und meinen Partner, oft führt es sogar zu Konflikten innerhalb unserer Beziehung.

Negative Gedanken

Wie kann das nun sein? Warum erkennt mich dieser Hund nicht als Rudelführer an? Warum scheint sie Regeln nicht verstehen zu wollen? Warum führt sie Kommandos nur halbherzig aus? Warum hat sie keinen ordentlichen Grundgehorsam? Warum führt sie das Konzept “Leinenführigkeit” einfach nicht aus, obwohl sie es in ruhiger Umgebung sehr gut beherrscht?
Warum missachtet sie meine Kommandos und stellt mich permanent in Frage? Warum bin ich nicht in der Lage sie ordentlich zu führen? Bin ich ein schlechter Hundeführer?
Irgendwann muss ich doch durch ihren Dickschädel durchbrechen! Vielleicht bin ich nicht konsequent genug? Warum tanzt sie mir permanent auf der Nase rum und nimmt mich nicht ernst? Bin ich nicht “hart” genug? Vielleicht hat sie ADHS?!
Wir lassen mal die Schilddrüse checken, vielleicht stimmt da was nicht… (übrigens: alles in Ordnung)

Das sind Gedanken, die mich seit 2018 täglich begleiten.
Und der Groschen ist erst vor einigen Tagen gefallen, als wir von unserer Heart Tour wieder nach Hause gekommen sind. Wir waren 5 Tage in Dresden – wir wollten die Zeit nutzen um kreativ zu arbeiten, zu Netzwerken, Kunstprojekte umzusetzen und unsere Seele baumeln zu lassen – doch Samba hat uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht, gerade in Punkto “ausspannen”.

Immer nur Stress

Mir ihr entspannt irgendwo hinkommen? Fehlanzeige: bereits bevor sie aus dem Auto steigt geht ein riesiges Theater los (Fiepen, Jaulen, Aufregeritis). Mit Ach und Krach holt man sie in einem verhältnismäßig ruhigen Augenblick aus ihrer Box an die Autotür, da versucht sie schon rauszuspringen – erstmal “Sitz” und “Warte”. Klappt halbwegs, wenn man es sich mit Nachdruck einfordert und ihr den Weg versperrt. (Übrigens wie alles: teilweise sind wir zu Papageien mutiert, die alles immer und immer wieder wiederholen müssen bzw. alle paar Minuten NEU einfordern müssen). Am liebsten würde man sie jetzt einfach wieder ins Auto zurückbefördern, weil man schon bedient ist, aber draußen ist es verdammt warm und sie im Auto lassen ist keine Option – also MUSS sie mit (etwas was man zuhause wunderbar vermeidet – teilweise vermeidet man schon ganze Spaziergänge, weil man einfach bedient ist).

Gut, also Leine kurz, Stock zum Blockieren und dann los geht’s – und die zerrende Pfeiflok nebenher geschliffen. Keine 100 m weiter vorne ist mein Puls schon auf 180, ich habe schlechte Laune, bin gestresst von ihrem Stress, stresse wiederrum meinen Partner und der ganze Tag ist im Eimer, dabei hat er gerade erst angefangen, denn wir sind verabredet im Café. Keuchend und kläffend begrüßen wir den Gast, die Leine ultrakurz hinter meinem Rücken (sonst springt sie gleich hin und führt sich auf wie Godzilla). Es ist schönes Wetter und wir sitzen draußen – sie ins Platz zu bringen dauert Minuten; ich muss mit meiner Hand nachhelfen, stetig will sie aufspringen; sie zeigt starke Stress- und Aufregungssignale: sie klingt wie ein sterbendes Tier. Die Kellnerin kommt heran und wird erstmal verbellt, mehrere Ansagen später hält Samba immerhin die Hundeschnauze und bellt nur noch hin- und wieder vorbeigehende Passanten und Hunde an. Ständig schaue ich mich um, scanne die Umgebung, um potentielle Reize schon VOR ihr zu erkennen und sie mit einem Leckerchen abzulenken. Meinem Gesprächspartner kann ich teilweise nur bedingt folgen, immer wieder wandert meine Aufmerksamkeit neben meinen Stuhl, wo Samba total aufgekratzt liegt und hin- und herrobbt, mehrfach steht sie auf und immer wieder muss ich sie zurück verweisen. Erst als mein Partner stunden später seine Beine über sie legt und sie damit komplett blockiert, kippt sie erledigt auf die Seite und döst eine halbe Stunde (das war das erste Mal, dass sie so etwas in der Öffentlichkeit tat). Immerhin, denn normalerweise scannt sie permanent die Umgebung und kommt einfach nicht zur Ruhe.
Der Rückweg verläuft genauso besch****, wenn nicht sogar noch schlimmer, weil wir einfach alle fertig mit den Nerven sind. DAS KANN SO NICHT WEITERGEHEN!
Aber hey, immerhin kam sie irgendwann mit den vorbeigehenden Passanten klar und hat nur selten gebellt, immernoch versuche ich mich im Kopf auf die “kleinen, positiven Fortschritte” zu besinnen. Ich bin betriebsblind geworden und blende permanent die traurige Realität aus: mit diesem Hund kommen wir einfach nicht zurecht und er ist ein Störenfried, den man aktuell nirgendwo hin mitnehmen kann.

Das kann so nicht mehr weitergehen

Für mich ist dies eine Art Schlüsselerlebnis – mir wird klar, dass es SO definitiv nicht mehr weitergehen kann. Ich bin zu dem Zeitpunkt überzeugt, dass wir professionelle Hilfe brauchen und ein sehr ernstes Problem haben: ich denke, dass dieser Hund uns 0 respektiert und dass sie macht, was sie will. Das ist hart. Das belastet uns, aber es belastet auch die Beziehung zu ihr, denn durch ihr Verhalten ist es nicht möglich sie überall mit einzubeziehen – ihre Freiheit leidet darunter, ihre Grundbedürfnisse leiden darunter – es ist ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. Ich will nicht wieder Zuhause ankommen und es so “weiterlaufen” lassen. Ich will mich nicht 1x am Tag zu einem Spaziergang aufraffen müssen und dann nach 5 min. mit ihr draußen wieder und wieder und wieder bereuen, dass ich sie in mein Leben geholt habe. Ich will – verdammt nochmal – entspannt spazieren gehen und nicht permanent auf Strom sein; während ich neben (oder hinter) einer tickenden Zeitbombe hergeschliffen werde. Dieser Hund braucht Grenzen.
Und offensichtlich waren unsere Grenzen bisher nicht deutlich genug.

Der extrovertierte Kundschafter

Zurück Zuhause habe ich tagelang schlechte Laune. Ich meide den Kontakt zu ihr und ich ziehe mich in mich zurück. Ich muss nachdenken. Ich muss eine Lösung finden. Ich falle aber wieder in schlechte Muster: ich lese in Foren, ich schaue die Standardvideos, die uns nicht helfen, ich lese zum zweiten Mal in dem Buch “Was tu ich nur mit diesem Hund” von Eric Aldington (ein sehr gutes Buch, was man gebraucht auch günstig erwerben kann) und ich bleibe an einer Stelle hängen: “Hundetyp extrovertiert.”
Ich hab das schon häufig gelesen, klar, ich weiß dass es verschiedene Hundetypen gibt, aber ich hab mich nie ausführlich damit auseinandergesetzt. Für mich ist Samba immer die hibbelige, dreiste, fordernde Diva. Punkt.

Könnte das vielleicht mein Denkfehler sein? Könnte ich vielleicht ihren Charakter falsch oder unzureichend eingeschätzt haben?
Ich sauge alles rund um den “extrovertierten” Hund ein; und dann stolpere ich über ein Video von der Hundeflüsterin Meike Maja Nowak, da geht es um den Hundetyp “extrovertierter Kundschafter” – Bingo, DAS ist Samba.
Plötzlich wird mir vieles klar. Samba ist einfach so und ich werde diese Charaktereigenschaft mit keiner Methode dieser Welt “weg-erziehen” können. Sie ist kein Zinnsoldat, der blind Befehle befolgt. Sie wird niemals ruhig und ausgeglichen sein, egal wie sehr ich es versuche ihr “einzutrichtern”. Sie ist einfach ein ganz anderer Typ.

Der “extrovertierte Kundschafter” ist nicht nur hibbelig, sondern hat einen kindlichen, schelmischen Geist. Sie ist eine wandelnde Provokateurin, sie liebt und braucht Grenzen, vertritt gleichzeitig die Auffassung “Grenzen sind zum brechen da”; sie ist eine autonome Draufgängerin, die kopflos, durch die Welt irrt, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuerspielplatz – und wenn sie keinen findet, dann startet sie selbst die Party. Sie versucht immer alle mit ihrer Energie anzustecken (sie “zündet an”) und bisher ist ihr das immer wunderbar gelungen – ich habe auf ihren Stress mit eigenem Stress reagiert, ich war nie der Ruhepol, der alles an sich abprallen lässt und zeigt “Nein, so nicht”. Ich war nie gelassen genug. Ich habe nie in mir geruht.
Doch nicht nur das: die Funktion des Kundschafters setzt auch voraus in einem Rudel für Qualität und Harmonie zu sorgen, d.h. sie beobachtet Gefühlsregungen sehr genau und wenn man sich in ihren Augen nicht souverän und bedacht genug verhält, dann ist man eben kein Leitwolf. Und wenn ich mich nun selbst anschaue, dann brauche ich nicht ihre feinen Antennen um zu wissen, dass ich bisher alles andere als souverän aufgetreten bin.
Sie ist ein Clown mit unbändiger Energie, sie ist ein Renntier, welches immer nach vorne geht und alles auskundschaftet, um es dem Leitwolf zu melden. Der Leitwolf sind in dem Fall wir Zweibeiner, doch bisher waren unsere Grenzen zu schwammig und zu oft hat sie uns aus der Fassung gebracht, so dass sie nun beide Positionen inne hat – und das überfordert sie. Sie ist Kundschafter und Chef zugleich – und das ist schlecht. Sie braucht GRENZEN – und diese müssen immer und zu jeder Zeit von uns eingefordert werden. Ruhig und Konsequent.

Diese Erkenntnis ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Nun heißt es für mich Abschied nehmen von meinen gewohnten Mustern, weg von der ganzen Methodik, her mit der Ruhe, Gelassenheit und Akzeptanz – ich bin der Leitwolf und ich lasse mich nicht mehr von ihrer Art fremdsteuern. Ich nehme das an und ich schaue nicht zurück auf das was ich falsch gemacht habe, sondern ich schaue nach vorne und gehe einen neuen Weg. Vielleicht schaff ich es allein, aber vielleicht suche ich mir zusätzlich noch professionelle Hilfe – das wird sich zeigen. Ich verschließe mich auch nicht (mehr) vor dieser Option.

Ich kann dir sehr empfehlen, dich mit den verschiedenen Hundetypen nach Maja Nowak zu beschäftigen. Hier ihre Webseite und ein paar Videos dazu: www.maike-maja-nowak.de

 

Du kannst nur gewinnen, wenn du dir darüber im Klaren bist wer DU wirklich bist, was du willst und welcher Hund da an deiner Seite ist – alles andere ist einfach nur Methodik, die sich nicht rezeptartig auf alles und jeden anwenden lässt. Mach nicht die gleichen Fehler wie ich!

Wenn du noch Fragen zu mir bzw. den Charaktereigenschaften von Samba hast, vielleicht selbst so eine Rakete Zuhause hast, dann schreib mir gern eine Nachricht oder lass mir einen Kommentar da. Ich wünsche dir, dass du gemeinsam mit deinem Hund wachsen kannst.

 

Alles Liebe,

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